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Anders als in der Vergangenheit treibt die Sehnsucht nach heiler Welt und das Unbehagen an der täglich erlebten die Menschen nicht mehr auf Straßen und Barrikaden, sondern lässt sie Antworten und Wege
im eigenen Inneren suchen. Selbsterfahrungsseminare, Bewussteinsarbeit und Kurse für spirituelle Entwicklung boomen deshalb wie nie zuvor. Da diese Angebote der weltanschaulichen Konkurrenz, den Kirchen,
ein Dorn im Auge sind, wurde und wird immer wieder versucht, sie in die Sektenecke abzudrängen und so zu diskreditieren.
Eine der weltweit bekanntesten konfessionslosen und glaubensunabhängigen Methoden für spirituelle Entwicklung und Bewussteinsmanagement ist der Avatar-Kurs. Er wird von
lizensierten Trainern nach einheitlichen Standards in derzeit 66 Ländern auch als „Kompaktkurs Mystik“ angeboten. Unser Autor Joe Romanski hat ihn getestet.
Avatar oder Glauben Sie was sie doch, was Sie wollen
Es begann mit einem kleinen flauen Gefühl im Bauch, ein Stück unterhalb des Magens, ein Gefühl, als wolle sich da ein Loch bilden, das in Kürze alle meine Organe einsaugen würde und mich am Ende
möglicherweise mit. Noch bevor ich es richtig wahrnehmen konnte, begann es auseinander zufließen und sich wie eine Woge noch oben in Bewegung zu setzen. Als die Woge das Herz durchspülte, wandelte sich
die Leere in Traurigkeit, durchsetzt von Mitgefühl, wirbelte ein paar Sekunden lang im Kehlkopf herum, um schließlich als nunmehr ausgewachsene Flutwelle gegen die Innenwand meines Schädels zu branden,
mit der Konsequenz, dass ich Mühe hatte die Tränen zurückzuhalten. Das Angenehme im Unangenehm-Traurigen der Woge war die darin enthaltene Erkenntnis über mein Problem, das wir gerade behandelten. Fast
unwillkürlich musste ich nicken: Genau! Das ist es! Damit verbunden war ein Gefühl der Erleichterung, das sich als kleiner aber deutlicher Energiegewinn darstellte. Es war der zweite Tag des
Avatar-Resurfacing-Kurses (deutsch: Wiederauftauchen) und die Übung nannte sich „Fixierte Aufmerksamkeit lösen“.
Wie viele Menschen war ich auf der Suche nach... ja, wonach? Nicht einmal das war ganz klar im Sommer letzten Jahres, als ich mich entschloss, den Versuch zu wagen: Ich würde den Avatar-Kurs machen.
Genauer: zunächst einmal den Resurfacing-Workshop, und dann würde man weitersehen. Das Wagnis bestand dabei aus meiner Sicht weniger in der Zeit- oder „Psychoinvestition“. Es ließ sich vielmehr ziemlich
genau auf meinem Kontoauszug quantifizieren und auf die Frage zuspitzen: Psychotrip in einer Berliner Altbauwohnung oder richtiger Urlaub mit Sonne, Strand und Meer?
Gut, 261 Euro waren nicht die Welt, und auch 522 Euro für den Teil 2 würden irgendwie zu verkraften sein, doch möglicherweise satte 2.320 Euro für eine 9-Tages-Reise ins eigene Bewusstein hinzublättern,
schien mir doch etwas gewagt. Mehr noch: es erschien mir tollkühn. Deshalb buchte ich sie.
Abenteuer Bewusstsein
Avatar, so ist auf der Homepage zu lesen, „...ist ein sanftes, nicht-konfrontierendes Abenteuer der Selbst-Entdeckung. Es beruht auf der einfachen Tatsache, dass Ihre Überzeugungen bewirken, dass
Sie jene Situationen oder Ereignisse anziehen, die Sie als Ihr Leben erfahren. Sie erfahren, was Sie glauben...“
Trotz der etwas umständlichen Formulierung klang das verlockend, weil ein bisschen absurd und paradox – damit war die Wahrscheinlichkeit groß, dass es wahr sein könnte. So überwies ich also zunächst die
geforderten 261 Euro und fand mich Sonnabend früh in der Praxis des Berliners Avatar-Trainers Igor R. ein. An den Tagen zuvor hatte ich in einem Arbeitsbogen ein Persönlichkeitsprofil ausgefüllt, das
dazu dienen sollte, Klarheit über ein paar grundlegende Fragen und Muster des eigenen Lebens zu gewinnen. Dieses Persönlichkeitsprofil ist Kursübung 1 – auf fast
30 Seiten werden Antworten zu solchen Fragen gefordert, wie: Welche Aspekte deines gegenwärtigen Ichs magst du am liebsten? Nenne Aspekte deines physischen Befindens, über die du dir gegenwärtig Sorgen machst. In welchen Dingen übertreibst du? Keine große Sache insgesamt, doch wozu sollte das gut sein? Schließlich wollte ich keine Psychotherapie machen.
Musste ich auch nicht. Denn im Gegensatz zum Psychotherapeuten ist ein Avatar-Trainer an den konkreten Bewussteinsinhalten nicht oder kaum interessiert. Welche Muster, Glaubenssätze und Überzeugungen ich habe, so erfuhr ich gleich am ersten Tag in den Gesprächen mit Igor, sei allein mein Bier. Es gehe ausschließlich darum, die vorhandenen aufzudecken und diese bei Bedarf durch neue zu ersetzen.
Da die Überzeugungen wie ein Magnet früher oder später genau die Ereignisse in der Realität hervorrufen oder (wer weiß) sogar erschaffen, die sie bestätigen, wäre das die erste Voraussetzung, um wieder
die Kontrolle über sein Leben zu erlangen, meinte der Trainer.
„Du erfährst, was du glaubst. Nicht umgekehrt!“
Das war an sich weder eine neue noch besonders originelle Erkenntnis. Es klang viel ehr nach dem philosophisch aufgepepptem „Positiven New Age Denken“ der 80er. Wenn man darüber nachdachte. Doch eben
darum ging es nicht. Der Avatar-Grundkurs wie auch die Vertiefungskurse sind keine intellektuellen Übungen, sondern vermitteln den Studenten, wie die Kursteilnehmer im Avatar-Jargon heißen, eigene
Erfahrungen. Zum Beispiel die, wie sich Aufmerksamkeit unter verschiedenen Bedingungen verhält und welche Rolle dabei Willen und Überzeugungen spielen.
Sprache, Wurzeln, Philosophie
Apropos Jargon: Der Begriff 'Avatar' stammt aus dem Hinduismus. Er bezeichnet eine Gottheit, die freiwillig in einen menschlichen Körper geschlüpft ist, um an der Schöpfung teilzunehmen, in dem sie
bewusst(e) Erfahrungen sammelt – was natürlich in den Ohren der Amtskirchenvertreter und selbsternannten „Sektenbeobachter“ arg nach Gotteslästerung klingt. Und von einem Glaubensstandpunkt, der Gott als
eine über dem Menschen stehende von ihm getrennte und unabhängige Instanz ansieht, haben Sie sogar Recht.
Aber auch an derartigen Glaubensfragen oder gar Erörterungen ist Avatar wenig interessiert. Ich könne glauben, was ich wolle, erklärt mir Igor. Gott als alter Zauselbart auf einer Wolke sei genauso gut
oder schlecht wie der Glaube an die buddhistische gegenstandslose Leere als Urgrund der Welt.
Mit diesem Konzept allerdings steht Avatar den spirituellen Schulen des Ostens näher als den jüdisch-christlichen Glaubenssystemen. Denn wie der Buddhismus, so betont auch die Avatar-Lehre mehr als alles
andere die eigene Erfahrung. „Fühle, wie es sich anfühlt, ein... zu sein“ ist z.B. eine typische Übung im zweiten Teil des Kurses. Während es im Resurfacing-Teil buchstäblich darum geht, aus seinen meist
transparenten Überzeugungen wieder aufzutauchen um sie erkennen zu können, sollen die Übungen des 2. Teils – des sogenannten Selbstermächtigungskurses die Fähigkeiten außersinnlicher Wahrnehmung
steigern. Hauptsächlich geht es hier um die in unserer Kultur unterdrückte, verschüttete oder vergessene Fähigkeit aktiv und gezielt zu Fühlen.
Wer sich auf diesen Prozess einlässt, so durfte ich irgendwann in der Mitte des Kurses und ganz zum Schluss erfahren, wird mit ein paar wirklich außergewöhnlichen und unvergesslichen Erlebnissen belohnt.
Er- oder gefunden hat die Methode der Amerikaner Harry Palmer. Wie es dazu kam, beschreibt er in seinem lesenswerten Buch „Die Kunst, befreit zu leben“, das mittlerweile in zwanzig Sprachen übersetzt
wurde: Nach Versuchen mit allerlei spirituellen Schulen sowie Experimenten mit Psychodelika und im Samadhi-Tank kam ihm die „Erleuchtung“, dass unser Leben das Resultat unserer Überzeugungen ist. Auf
dieser Erkenntnis aufbauend schuf er aus verschiedenen, teils vorhandenen Bausteinen ein aufeinander aufbauendes Übungsprogramm aus drei Modulen, das er Avatar-Kurs nannte. Das war 1986. Seitdem wurde
das Programm verbessert und erweitert.
Einige der Übungen kennt man aus anderen Systemen, wie NLP oder Yoga, oder aus psychotherapeutischen Ansätzen schon. Dass fast alle Studenten am Ende des Kurses ins Schwärmen geraten, liegt also nicht an
der Neuheit oder an irgendwelchen speziellen Psychotricks. Die leuchtenden Augen (auch meine) scheinen vielmehr das Resultat eines Synergieeffekts zu sein: Ein gut ausgebildeter engagierter Trainer, die
raffinierte Didaktik und eine Fülle ganz unterschiedlicher Übungen sorgen dafür, dass man die Welt schon nach wenigen Tagen mit bzw. aus einem veränderten Bewusstsein heraus betrachtet.
Ob das für viele Ohren etwas zu selbstbewusst klingende Versprechen wirklich stimmt, „der kraftvollste Selbsterfahrungskurs zu sein, der derzeit weltweit für Geld zu haben ist“, kann natürlich nur
schlecht überprüft werden. Dass Avatar jedoch ein ausgesprochen kraft- und auch spaßvoller Selbsterfahrungstrip ist, steht für mich fest. Die 2.320 Euro waren deshalb die beste Investition, die ich
jemals getätigt habe. Und ganz so tollkühn, wie oben beschrieben, war die Entscheidung auch nicht: Bis zum Abschluss von Teil 2 gibt’s eine Geld-zurück-Garantie falls man nicht zufrieden ist.
Alles in allem eröffnen einem die 9 Tage nicht nur eine andere Sicht auf die Welt („Die stärkste Brille, die für Geld zu haben ist“. Avatar bietet gleichzeitig eine Reihe sehr effektiver Werkzeuge in Form
einfacher Übungen, die einem helfen, sein Leben fortan besser zu managen und langfristig bewusster zu gestalten.
Erschienen in der Zeitschrift naturel 8/2004
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